Was ist Agilität? Definition und Mythos

In der Literatur gibt es keine einheitliche Definition für Agilität, und selbst das Wort „agil“ hat unterschiedliche Bedeutungen. Die Verbreitung dieses Wortes begann im Kontext der Softwareentwicklung im Jahr 2001 durch Unterzeichnung des „Manifesto for Agile Software Development“. 17 bekannte Softwareentwickler beschrieben darin Prinzipien und Leitlinien, um ein agiles Umfeld für die Softwareentwicklung zu schaffen. Mit anderen Worten: Das Agilitäts-Manifest beschreibt einen Rahmen und wurde ursprünglich für kleine Teams konzipiert. Für die operative Umsetzung der Agilitäts-Prinzipien gibt es verschiedene Methoden, wie beispielsweise Scrum oder Design Thinking. Jede dieser Methoden ist mit den Grundgedanken des Lean Management verknüpfbar. Das Lean Management selbst wurde erstmals in den 50er-Jahren von Taiichi Ōno beschrieben. Er analysierte die Leitlinien und Philosophien von Toyota und entwickelte daraus den Begriff des Lean Management, der eine möglichst „schlanke“ Wertschöpfungskette beschreibt, in der nur so viel getan wird, wie notwendig ist. Dieses minimalistische Denken, verbunden mit einem hohen Qualitätsstandard, führte bei Toyota zu außergewöhnlichen Ergebnissen. 

In der Theorie basiert die agile Vorgehensweise auf einem empirischen Vorgehensmodell, in dem davon ausgegangen wird, dass Wissen aus Erfahrung hervorgeht. Das bedeutet, dass große Projekte in kleinere Teilschritte zerlegt werden, wobei versucht wird, aus dem vorherigen Schritt und dem daraus resultierenden Zwischenergebnis Schlüsse zu ziehen, bevor der nächste Schritt geplant wird. Die drei wesentlichen Schritte des agilen Arbeitens sind Transparenz, Überprüfung, Anpassung: Sowohl Fortschritte als auch Probleme müssen offen und für jeden erkennbar dargelegt werden. Die Ursachen und Wirkungsweisen müssen analysiert und getroffene Annahmen und Vorgaben in Frage gestellt werden können. Diese Erkenntnisse führen zu einer Anpassung des Vorgehens für den nächsten Schritt. Aufgrund dieses dauerhaften Lernens in kleinen Schritten entlang des erzielten Fortschritts sind iterative und inkrementelle Vorhaben schneller und qualitativ besser, als es vorher die vollständig durchgeplanten und dokumentierten Projekte waren. Dabei bleibt die Arbeit dynamisch, und Anforderungsänderungen werden auch spät im Prozess noch begrüßt. Agile Methoden akzeptieren, dass zu Beginn des Projekts nicht alle Anforderungen klar sind und dass die Designqualität eines Produktes während der fortschreitenden Arbeit immer besser wird. Agile Vorgehensweisen sind dabei niemals dogmatisch, sondern immer ergebnisorientiert und zielen auf die Erhöhung des Kundennutzens ab. 

Nun stellt sich die Frage: Wenn Agilität nicht einfach dadurch entsteht, dass man Scrum oder eine andere Methode einführt – um was geht es dann?

Bei der Suche nach Synonymen zu „agil“ finden wir Wörter wie „energetisch“, „munter“, „biegsam“, „geschmeidig“, „lebhaft“, „schnell“, „rasant“, „scharfsinnig“, „temperamentvoll“, „aktiv“, „aufmerksam“, „geschäftig“, „klug“, „geschickt“, „leicht zu bewegen“, „quicklebendig“, „prompt“, „schlagfertig“, „bereit“, „sportlich“, „kräftig“ und „flink“. Die Synonyme lassen darauf schließen, dass wir durch agiles Arbeiten mit viel Energie für die Veränderungen des Marktes gewappnet sind und jederzeit schnell reagieren können. Dies bestätigen auch viele Synonyme zu dem dazugehörigen Substantiv „Agilität“, wie „Klugheit“, „Schnelligkeit“, „Aktivität“, „Schärfe“, „Bereitwilligkeit“, „Wachsamkeit“, „Frische“, „Flüchtigkeit“, „Munterkeit“, „Geschmeidigkeit“, „Lebendigkeit“, „Lebhaftigkeit“ und „Schlagfertigkeit“. 

Genauso spannend wie der Bedeutungshorizont der Synonyme ist jener der Antonyme: Wer nicht „agil“ ist, wäre somit „apathisch“, „deprimiert“, „entmutigt“, „niedergeschlagen“, „stumpf“, „ignorant“, „inaktiv“, „faul“, „lethargisch“, „leblos“, „starr“, „langsam“, „träge“, „steif“, „blöd“ und „ungeschickt“.

Wer würde sich selbst nach dieser Definition nicht als „agil“ bezeichnen? Vermutlich kaum jemand. Viele Menschen sind also schon längst agil. Warum würde kaum jemand dies auch für das Unternehmen unterschreiben, in dem er arbeitet? Agilität ist nicht das nächste „große Ding“, das die Welt verändert, sondern eher etwas, das man sinnbildlich als „alter Wein aus neuen Schläuchen“ bezeichnen könnte. Beispielsweise sind Lean Management, Unternehmenskommunikation oder Konzepte der Mitarbeiterentwicklung nichts Neues. Doch Unternehmen müssen anfangen, diesen Wein auch zu trinken, also eine entsprechende Kultur und Methodik im Unternehmen zu leben und umzusetzen. Wenn ich mir eine agile Organisation vorstelle, dann denke ich an glückliche Menschen, die gerne arbeiten, die kreativ und innovativ sein dürfen und genügend Freiräume bekommen, um ihre Arbeit auf qualitativ hochwertige Weise zu erledigen. Mitarbeiter, für die ihre Kunden immer im Fokus stehen. Es gibt eine klare Unternehmensvision und -strategie und eine starke Führung, die harmonisch und zum Wohle der Kunden, der Mitarbeiter und des Unternehmens agiert.

In agilen Organisationen existiert ein starker Wille zur Kooperation. Entscheidungen werden mutig getroffen, und es wird aus Fehlern gelernt. Ergebnisse werden in kurzen Zyklen erarbeitet, und es wird kontinuierlich überprüft, was daraus gelernt und verbessert werden kann. Der Wissensaustausch innerhalb der Organisation wird gefördert, und Mitarbeiter dürfen und sollen Verantwortung übernehmen. Das Ergebnis sind ein signifikanter Wettbewerbsvorteil und eine hohe Innovationskraft.

Agilität ist die Fähigkeit einer Organisation, sich zeitnah, effektiv und nachhaltig zu verändern, um Performance-Vorteile zu erzielen. Damit das funktioniert, müssen Menschen dazu bereit sein, sich kontinuierlich zu verändern. Genau das fällt uns unglaublich schwer. 

Ich möchte hier eine Geschichte aus der Tierwelt wiedergeben, die ich vor einiger Zeit in einer Zeitung gelesen habe. An einem sonnigen Tag im Februar 2018 standen zwei Elefanten in ihrem Gehege in einem thailändischen Zoo. Sie waren mit einem Seil an zwei winzigen Holzpflöcken festgebunden, als plötzlich ein Feuer ausbrach und das Leben der beiden bedrohte. Als das Feuer immer näher kam, gerieten die beiden in Panik, aber sie blieben stehen. Die Kraft der Elefanten hätte problemlos ausgereicht, um die Holzpflöcke aus dem Boden zu reißen. Aber leider taten sie diesen einfachen Schritt nicht, sondern wurden von den Flammen erfasst und starben im Feuer. Die Frage ist: Warum blieben die beiden stehen?

Die Antwort liegt im Denkmuster der beiden Elefanten. Wenn Elefanten klein sind, werden sie mit massiven Metallketten an starken Metallpflöcken festgebunden. Der Babyelefant kann ziehen und zerren, wie er will – von dieser Befestigung kann er sich nicht lösen. Er probiert es mehrere Male und akzeptiert dann irgendwann seine Situation. Sobald er eine Kette um den Hals bekommt, erinnert er sich an diese Erfahrung und versucht nicht mehr wegzulaufen. Selbst, wenn es sich nur noch um ein Seil an einem Pflock handelt.

Solche Denkmuster kontinuierlich zu durchbrechen – das ist Agilität. Dabei ist eine Sache wichtig: Denkmuster sind nicht umsonst da. Sie ermöglichen es uns, blitzschnell Entscheidungen zu treffen und zu agieren. Du erlebst das jeden Tag, zum Beispiel beim Autofahren: Wenn dir ein Fußgänger vor den Wagen läuft, denkst du nicht darüber nach, du agierst sofort und versuchst den Unfall zu vermeiden. Genauso beim Gehen: Wenn du stolperst, agierst du sofort und versuchst, einen Sturz zu vermeiden. Solche Denkmuster helfen uns im Alltag und sind absolut sinnvoll. Mach dir bewusst, was dein aktuelles Ziel ist, und hinterfrage kontinuierlich, ob es einen besseren Weg gibt, um dein Ziel zu erreichen. Wenn du dann ein Denkmuster findest, das dich behindert, verändere es.

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