Was ist eine „gute“ Fehlerkultur?

Moderne Unternehmen brauchen eine gute Fehlerkultur. Diesen Satz höre ich immer wieder von meinen Kunden. In diesem Artikel beschäftigen wir uns damit, was eine „gute“ Fehlerkultur ist.

Umgangssprachlich ist damit gemeint, dass es in Ordnung ist Fehler zu machen. Die Teammitglieder sollen offen kommunizieren, wenn etwas schiefgelaufen ist. So können alle daraus lernen. Doch zwischen der Theorie und der Praxis einer Fehlerkultur liegt viel Arbeit. In der Praxis werden Fehler selten toleriert und daher meistens nicht transparent gemacht, weil die Angst vor Verurteilung größer ist als die Chance für den Einzelnen, sich zu verbessern.

Zuerst brauchen wir eine Definition des Wortes „Fehler“. Laut dem Duden ist ein Fehler etwas, was falsch ist bzw. vom Richtigen abweicht, und im weiteren Sinne eine irrtümliche Entscheidung. Damit etwas ein Fehler sein kann, muss immer zuerst das erwartete Ergebnis festgelegt worden sein. 

Stell dir folgende Situation vor: Du möchtest einen schönen Tag mit deiner Frau/deinem Mann verbringen, und ihr entscheidet euch dafür, mit dem Auto zu einem traumhaften kleinen Café zu fahren. Ihr seid schon einige Male dort gewesen und freut euch, endlich mal wieder etwas Zeit miteinander verbringen zu können. Die Sonne scheint und ihr fahrt los. Ihr redet über das letzte Mal, als ihr in dem Café wart, und wie schön die Zeit dort war, und ihr unterhaltet euch so angeregt, dass du falsch abbiegst. Euch fällt dieser Fehler erstmal gar nicht auf. Aber nach einer halben Stunde merkt ihr, dass ihr gar nicht mehr wisst, wo ihr seid. Ihr habt erkannt, dass ihr die Ausfahrt verpasst habt.

Ihr ärgert euch kurz über diesen Fehler und die verschwendete Zeit, und ihr beschließt, dass ihr nach der nächsten Kurve dreht. Ihr fahrt um die Kurve, und auf einmal seht ihr einen traumhaften See vor euch. Dahinter liegt eine kleine Bergkette, und ihr seht schon von Weitem ein ganz zauberhaftes Café. Dieser offensichtliche Fehler stellt sich im Nachhinein als willkommene Abwechslung dar, und ihr verbringt einen tollen Nachmittag.

War der falsche Weg jetzt ein Fehler? Oder war er eigentlich in Ordnung? Alles, was in unserem Leben passiert, ist erst einmal ohne Wertung. Es ist weder gut noch schlecht. Erst die Bedeutung, die wir den Dingen geben, entscheidet über die Wertung.

Ein Fehler kann auch als Enttäuschung bezeichnet werden. Wir hatten ein erwartetes Ergebnis und dieses ist nicht eingetroffen. Wenn wir das Wort Ent – täuschung zerlegen ergibt sich, dass die Täuschung beendet wurde. Dadurch gibt erreichen wir wieder Klarheit.

Was richtig und was falsch ist, wird von unserem Wertesystem bestimmt. Ein Fehler kann somit immer aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Daher sollten wir bei jedem vermeintlichen Fehler genau prüfen, ob er uns auf dem Weg zu unserem Ziel wirklich behindert hat oder ob es nur ein anderer Schritt in die richtige Richtung gewesen ist.

Ebenfalls relevant ist immer, was wir aus den Fehlern lernen und wie wir danach mit diesen umgehen. Ich möchte hierfür noch einmal den Gedanken des Lean Managements und der Wertschöpfungskette in den Vordergrund bringen. 

Bei Toyota beispielsweise gibt es das „Andon-Cord-System“ zur Förderung der Fehlerkultur: An jeder Station der Wertschöpfung hat jeder Mitarbeiter die Möglichkeit, eine symbolische Reißleine zu ziehen, indem er einen Knopf drückt. Sobald das passiert, wird die Produktion eingestellt und alle kommen zusammen und schauen sich das Problem an, das dieser Mitarbeiter gefunden hat. 

In vielen europäisch geprägten Unternehmen wäre ein solches Vorgehen unvorstellbar. In einem solchen Moment würde ja einfach die Produktion gestoppt, und dafür ist keine Zeit. Doch was dadurch bei Toyota passiert, ist außergewöhnlich. Durch das hohe Investment an Zeit und Energie während des Aufbaus der Wertschöpfungskette gibt es heute fast keine Probleme/Fehler mehr. 

Jedes Mal, wenn die symbolische Reißleine gezogen wurde, gab es an diesem Punkt der Produktion ein Problem. Dieses hätte im Nachhinein zu größeren Fehlern geführt. Wenn nur ein Teil falsch produziert wird und beispielsweise nach der Auslieferung zu einem Rückruf führt, dann sind die Kosten meistens wesentlich höher als das Band für eine Stunde anzuhalten und das Problem nachhaltig zu lösen. 

Diese Art des Arbeitens zeichnet eine gute Fehlerkultur in einer agilen Organisation aus. Der Fokus liegt auf der Optimierung der Wertschöpfungskette, und jeder Mensch kann sein Potenzial vollkommen ausschöpfen und das Beste in die Optimierung einbringen. 

Für neue Mitarbeiter ist dies erstmal ungewöhnlich, und oft wird die Frage gestellt: „Was passiert, wenn ich direkt an meinem ersten Tag schon die Reißleine ziehe?“ Die Antwort einer guten Führungskraft lautet immer: „Wenn unser System so instabil ist, dass du es am ersten Tag aushebeln kannst, dann steht es dir frei, dieses Problem zu lösen. Wir gehen allerdings davon aus, dass dir das nicht gelingen wird.“ 

Hier kommt auch wieder der Aspekt des Vertrauens ins Spiel. Eine gute Fehlerkultur benötigt gleichzeitig eine gute Führungskultur. Nur wenn die Menschen absolutes Vertrauen zu ihrer Führungskraft haben und wissen, dass diese voll hinter ihnen steht, werden sie den Mut haben, Risiken einzugehen, Fehler zu produzieren, diese offen zu kommunizieren und daraus kontinuierlich zu lernen.

Dabei sollte immer zuerst die Frage beantwortet werden: „War das wirklich ein Fehler, oder haben wir nur einen anderen Weg gewählt, der ans gleiche Ziel führt?“

Was hierbei selbstverständlich sein sollte: Es ist kein Freifahrtschein für mutwilliges und fahrlässiges Handeln. Dieses muss auch als solches erkannten werden. Wenn beispielsweise auf dem Firmengelände rechts vor links gilt und jemand mit einem Gabelstapler diese Regel ignoriert und eine andere Person verletzt, dann ist das ein Fehler, der eine entsprechende Konsequenz nach sich ziehen sollte.

Dein Fabian

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