Führung in agilen Teams

Bevor wir über die Rolle der Führungskraft in agilen Teams sprechen, möchte ich das Wort „Führungskraft“ genauer betrachten. Wenn ich mir typische deutsche Mittelständler und Großkonzerne anschaue, dann gibt es häufig mehrere Hierarchieebenen, die mit Teamleitern beginnen und bei der Geschäftsführung aufhören. Je nach der Anzahl der Mitarbeiter des Unternehmens, gibt es entsprechend viele Führungskräfte. Die sogenannte Leitungsspanne (Führungskräfte pro Mitarbeiter) variiert dabei von Unternehmen zu Unternehmen. So kann in industriellen Unternehmen eine Führungskraft schnell 25 Mitarbeiter haben. In der Softwareentwicklung ist eine Führungskraft pro 8 Mitarbeiter nicht ungewöhnlich. Eine wissenschaftlich fundierte Zahl, welche Spanne ideal ist, gibt es dabei nicht.

Aber wer ist eigentlich genau eine Führungskraft? Hat die Konzernführungskraft in einem DAX Konzern mit 15 Mitarbeitern mehr Verantwortung, als ein Geschäftsführer mit drei Mitarbeitern? Auf den ersten Blick könnte diese Frage mit Ja beantwortet werden. Wenn ich die beiden direkt vergleiche, gibt es allerdings einen massiven Unterschied. Der Geschäftsführer mit drei Mitarbeitern, muss diese Mitarbeiter direkt bezahlen. Er hat die Verantwortung dafür, dass das Geschäfts gut läuft und genug Umsatz generiert wird. Die Führungskraft im DAX Konzern hingegen bezahlt ihre Mitarbeiter hingegen selten direkt, sondern hat Budgets vorgegeben. Der Konzern trägt die Kosten. Ist die Verantwortung des einen nun mehr Wert als die des anderen? Ich behaupte nein. Beide werden emotional ein ähnliches Gefühl von Verantwortung verspüren und sich um ihre Mitarbeiter kümmern. 

Wer oder was ist nun eine gute Führungskraft? Dafür möchte ich das Wort genauer unterteilen. Die meisten Führungskräfte sind für mich keine Leader, sondern Manager. Ein Manager hat durch seine Position Macht und Entscheidungskompetenz erhalten. Er darf seinen Mitarbeitern sagen, was sie tun sollen und sie sind vertraglich dazu verpflichtet, zu folgen. Wenn sie das nicht tun, kann es Konsequenzen geben. Ein Leader ist jemand, der Autorität hat und dem Menschen natürlich folgen. Er muss nicht zwangsläufig eine Position in der Hierarchie des Unternehmens haben.

Ich habe häufig erlebt, dass, trotz einer besetzten Führungsposition, die Entscheidungen von jemand Anderem getroffen wurden. Die Führungskraft ist dann diesen Entscheidungen gefolgt und hat sie durchgesetzt. Dieser Unterschied zwischen Leader und Manager kommt aus meiner Sicht aus der Leidenschaft, die wir für Menschen mitbringen. Leader sind für mich Menschen, die andere Menschen groß machen und deren Potential entfalten. Leader erschaffen neue Wege und Möglichkeiten und geben dem Team die Sicherheit, dass sie alles ausprobieren können, ohne, dass es negative Konsequenzen gibt. 

In meinem Job erlebe ich täglich Unternehmen, die eine über Jahre gewachsene Führungsstruktur haben. Dabei sind oft Menschen in Führungspositionen, die nicht besonders gerne Führen. Menschen, die die Besten auf ihrem Gebiet waren und dann zur Führungskraft befördert wurden. Allerdings wollten sie niemals Führungskraft werden, sondern einfach der Beste auf ihrem Gebiet sein. Genauso führen sie auch. Die eigenen Mitarbeiter sind selten signifikant besser und so kümmert sich die Führungskraft weiterhin um die wirklich schwierigen Probleme. Die Mitarbeiter wissen, dass sie bei Problemen immer zu ihrer Führungskraft gehen können und nutzen diese Möglichkeit. Dadurch entsteht eine Komfortzone und sowohl der Mitarbeiter als auch die Führungskraft entwickeln sich nicht mehr weiter. Die Führungskraft wird immer frustrierter, weil die Mitarbeiter scheinbar faul oder blöd sind und die Mitarbeiter trauen sich nicht, Fehler zu machen, weil ihre Führungskraft besser ist.

In agilen Teams braucht es daher aus meiner Sicht deutlich weniger „klassische“ Manager, die in einer hierarchischen Funktion sind. Es braucht wieder mehr Leader. Menschen, die andere dazu inspirieren, mutig zu sein und neue Wege zu gehen. 

Vor ein paar Tagen war ich auf der A5 mit einem Kollegen im Auto unterwegs. Dabei haben wir über das agile Manifest und die Rolle der Führungskraft gesprochen. Mich erschüttert manchmal, wie wenig Menschen das agile Manifest tatsächlich gelesen haben und trotzdem „agil“ sein wollen. Denn in keinem Wort steht in diesem Manifest, dass es keine Führungskraft mehr gibt. Dort steht, dass eigenständige Teams besonders gute Ergebnisse liefern können. Allerdings nicht, dass es keinen Leader in diesen Teams gibt. Es steht auch nicht explizit dort, dass es keinen Manager mehr gibt. Allerdings widerspricht eine starre hierarchische Struktur dem Gedanken des Teams, dass selbst End-to-End-Verantwortung trägt und eigenständig Entscheidungen trifft. Hier liegt aus meiner Sicht ein Knackpunkt in der agilen Führung. Führung ist nicht mehr eindimensional an Menschen gebunden. Es kann sein, dass eine Person die Entwicklung der Menschen im Team übernimmt und den unternehmerischen Rahmen bildet. Er kümmert sich um die Menschen und deren Wohlbefinden. Genauso gibt es eine Person, die innerhalb des Teams für die Produktentwicklung verantwortlich ist und das Team fachlich führt. In einem Softwareentwicklungsteam gibt es garantiert eine Person, die die Prinzipien der Entwicklung vorgibt. Diese Personen sind alle Führungskräfte in der Form eines Leaders. Andere Menschen folgen ihnen, weil sie es wollen und diese Personen akzeptieren ihre Rolle der Führung. 

Ich bin der festen Überzeugung, dass der Fokus von Führung wieder auf den Mensch und dessen Umfeld gelegt werden muss. Die Aufgabe von modernen Leadern ist, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen ihre Potentiale entfalten und mit Leidenschaft arbeiten können. Dabei wird es Führung immer geben, egal ob wir nun agil sind. Agilität ist dabei für mich die Fähigkeit, sich zeitnah, effektiv und nachhaltig zu verändern. Diese Fähigkeit erlangen Menschen aus meiner Sicht, wenn sie Vertrauen in sich, ihr Team und ihre Leader haben. 

Dein Fabian

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